RB Eurasia 17: Chjancszyakounan - Peking (Beijing)

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Helmut Uttenthaler
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RB Eurasia 17: Chjancszyakounan - Peking (Beijing)

Beitrag von Helmut Uttenthaler »

Sonntag 28. August 2005


Gegen 8 Uhr wache ich auf. Der Zug befindet sich gerade zwischen Datong und Chjancszykounan (Transkription: © Hafas), wie dem Fahrplanauszug entnommen werden kann:

+-----------------------------------+-----------+-----------+----------+
| Bahnhof | Ankunft | Abfahrt | Zug |
+-----------------------------------+-----------+-----------+----------+
| Erljan | 21:00| 0:42| 24 |
| Cszininnan | 5:15| 5:28| |
| Datong | 7:14| 7:22| |
| Chjancszyakounan | 9:49| 9:58| |
| Kanchjuan | 11:33| 11:53| |
| Nankou | 13:17| 13:30| |
| Peking | 14:31| | |
+-----------------------------------+-----------+-----------+----------+

Bis Peking sind es noch ca. 6 Stunden. Die Landschaft ist nun ganz anders als am Vortag in der Mongolei, recht hügelig und ziemlich üppige Vegetation.

Beim letzten Bericht hatte ich noch vergessen zu erwähnen, dass in Erlian der mongolische Speisewagen aus- und stattdessen ein chinesischer Speisewagen sowie ein Schlafwagen eingereiht worden sind. Diese kann hier ganz gut erkennen:
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Ich weiss nicht genau warum, aber irgendwie wirkt die chinesische Eisenbahn auf mich weniger exotisch als die russische oder mongolische Eisenbahn. Der kleine Spurweitenunterschied wird es wohl kaum sein, vielleicht eher die aufgeräumt wirkenden Gleisanlagen...
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...oder die einigermassen vertraut wirkenden E-Loks der Baureihe 8K...
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...oder einfach das recht hohe Geschwindigkeitsniveau – wir fahren immmerhin mit 100 bis 120 km/h.

Apropos, unser Zug wird trotz Oberleitung (die es in Erlian aber noch nicht gab) von einer Diesellok gezogen:
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Landschaft neben den Gleisen:
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Durchfahrt durch einen kleinen Bahnhof:
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Nochmal eine 8K bei der Einfahrt in Chjancszyakounan:
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Der Bahnsteig in Chjancszyakounan:
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Gegen halb elf schauen wir dann auf einen kleinenImbiss in den chinesischen Speisewagen:

Eine etwas andere Coladose:
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Mahlzeit!
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Eine Stunde später haben wir in Kanchjuan eine Möhlichkeit auszusteigen. Der Zug hat hier 20 Minuten Aufenthalt. Beim Aussteigen aus den klimatisierten Waggons machen wir erste Bekanntschaft mit dem subtropischen Klima. Es ist heiss und feucht, richtig drückend schwül. Bild

Das Unter-dem-Waggon-Durchklettern ist nicht nur in Russland, sondern auch in China beliebt:
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Der chinesische Speisewagen:
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Bahnhofsschild – hier als Kang Zhuang transkribiert:
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Unsere Diesellok DF4B 1662:
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Auch dieser Gepäckwagen ist erst seit Erlian dabei:
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Wagenlaufschild beim Schlafwagen Erlian – Peking:
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Am Zugschluss wird eine zweite Lok angehängt:
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Der Zug macht nun nämlich einen Abstecher zur chinesischen Mauer nach Chinglungchiao. Dieser Halt scheint zumindest in Hafas nicht auf, vielleicht ist hier auch kein Fahrgastwechsel möglich. Der einzige Zweck des Haltes dürfte darin bestehen, dass aus der Mongolei kommenden Touristen die chinesische Mauer gezeigt werden kann.

Auf der Fahrt dorthin – ab Kanchjuan dauert es ca. 30 Minuten:
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In Chinglungchiao ist dann ein ca. viertelstündiger Aufenthalt vorgesehen...
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...der wird natürlich für das obligatorische Zug-mit-chinesicher-Mauer-Foto genutzt:
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Nochmal der Bahnhof mit unserem Zug:
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Nachher fahren wir zurück – deshalb die zweite Lok. Unser Zug wird aber in Kanchjuan nicht nochmals gestürzt (kann mich auch nicht erinnern, ob wir dort noch mal vorbeigekommen sind), sondern fährt ab Chinglungchiao ohne weiteren Fahrtrichtungswechsel irgendwie nach Peking. Es wäre interessant zu wissen, wie sich diese Fahrt auf einer Karte des chinesischen Eisenbahnnetzes darstellt.

Wir machen uns noch mal auf den Weg in den Speisewagen, der kleine Imbiss am Vormittag hat Hunger auf mehr gemacht. Auf dem Weg zum Speisewagen gehen wir auch durch den chinesischen Schlafwagen durch:
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Schliesslich nähern wir uns der 8-Millionenstadt Peking:
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Riesige neue Hochhausbauten neben der Bahnstrecke:
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Pünktliche Einfahrt in den Hauptbahnhof von Peking:
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Da wird eifrig Gepäck verladen:
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Noch ein kleines Video von der Einfahrt in Peking.
http://www.youtube.com/watch?v=RB08RtQaWvI

Nach dem Aussteigen muss ich noch schnell zwei Fotos machen...
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...dann kann das Abenteuer Peking beginnen. Über einen Personentunnel kommen wir zum Ausgang des Kopfbahnhofes (das Bahnhofsgebäude befindet sich aber trotzdem in Seitenlage) und auf den Bahnhofvorplatz. Dort wimmelt es nur so vor Leuten. Wir erspähen auf der anderen Strassenseite einen Hinweis auf die „Beijing City Commercial Bank“ und machen uns auf den Weg dorthin. Von der Fussgängerüberführung bietet sich ein guter Ausblick auf den Bahnhof:
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Vor der Bank gibt es drei Bankomaten, wovon einer auch englisch „spricht“. Dort hebe ich mal 1000 Juan (ca. 100 Euro) mit meiner Maestro-Karte ab. Mehr lässt der Automat leider nicht zu.
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Als Unterkunft haben wir das „Far East International Youth Hostel“ auserkoren.
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Eigentlich wollen wir mit dem Taxi hinfahren, aber das klappt irgendwie nicht. Mehrere Versuche, einen Taxifahrer mittels obigem Zettel dazu zu bewegen, scheitern. Woran, das wissen wir nicht, keiner von uns kann mehr chinesisch als „Ni Hao“. Vielleicht ist die Strecke zu kurz, keine Ahnung.

Daher beschliessen wir, mit der U-Bahn zu fahren. Durch unsere Taxisuche haben wir uns mittlerweile etwas vom Bahnhof entfernt, sodass wir nicht die U-Bahn-Station beim Bahnhof, sondern eine weiter östlich nehmen.
Beim Eingang zur Station kaufen wir bei einer Mitarbeiterin eine Fahrkarte...
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...die dann von einer anderen Mitarbeiterin entwertet wird. 1 Milliarde Chinesen wollen ja beschäftigt werden... ;-)

Wie im Lonelyplanet und auf dem Zettel des Far East Hostels beschrieben, fahren wir bis zur Station He Ping Men (bei den Anschriften in der U-Bahn gibt es glücklicherweise auch eine Version mit lateinischen Buchstaben).
Von dort müssen wir noch einige hundert Meter entlang einer stark befahrenen Strasse nach Süden gehen, bevor dann ein Wegweiser zum Hostel nach links in ein Wirrwarr von kleinen Gassen weist. Das Hostel befindet sich nämlich in einem traditionellen Viertel ohne Hochhäuser.

Im Hostel bekommen wir dann ein modernes 6er-Zimmer, die Übernachtung kostet 60 Juan.

Nach einer Dusche schauen wir uns ein bisschen in der näheren Umgebung des Hostels um. Eine grosse Sightseeing-Tour wäre uns angesichts des Klimas für den späten Nachmittag zu anstrengend, dafür brauchen wir mehr Zeit.

In unserem Viertel gibt es auch noch einige andere Hostels, und natürlich unzählige kleine Geschäfte, wo man alles mögliche kaufen kann. Weiters gibt es zahlreiche einfache Restaurants, die aber doch auch auf Touristen eingestellt sind (englische Speisekarte). In einem davon gönnen auch wir uns ein exzellentes Abendessen.
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Es hat echt genial geschmeckt und wir haben obendrein zu fünft insgesamt nur ca. 7 Euro gezahlt...

Danach sind wir gerüstet für die letzte Herausforderung des Tages: Kauf von Fahrkarten nach Schanghai. Das hätten wir zwar auch über das Hostel erledigen lassen können, es hätte aber pro Fahrkarte ca. 5 Euro zusätzlich gekostet. Da wollen wir es doch zuerst mal am Bahnhof probieren.

Laut Lonelyplanet gibt es in den grösseren Städten am Bahnhof zumindest einen Fahrkartenschalter mit englischsprechendem Personal. Ausserdem hatte ich ein englisch-chinesisches „Formular“ zum Fahrkartenkauf in China. Darauf konnte man verschiedene Wünsche ankreuzen, der Schaltermensch hatte verschiedene Antwortmöglichkeiten. An dieser Stelle möchte ich mich nochmals bei Heiko Müller für die Zusendung dieser Unterlagen bedanken.

Vorerst in aller Kürze ein Exkurs zu Waggons, Zügen und Fahrkarten in China:

In chinesischen Fernzügen gibt es in der Regel drei verschiedene Klassen:
RW: Ruanwoche/Soft-sleeper – wie Kupe in Russland, 4er-Abteil
YW: Yingwoche/Hard-sleeper – ähnlich wie Platskartnyj in Russland, jedoch keine Liegen in Längsrichtung, sondern immer drei Liegen übereinander in Querrichtung. Die Abteile sind zum Seitengang hin offen.
YZ: Yingzuoche/Hard-seater – Grossraumsitzwagen Sitzteilung 2+3

In einzelnen reinen Tageszügen gibt es auch die Kategorie RZ (Ruanzuoche/soft-seater), das sind etwas komfortablere Sitzwagen.

In einzelnen Zügen soll es auch Schlafwagen mit 2er-Abteilen geben.

Bei den Fernzügen gibt es auch mehrere Kategorien, die Kennzeichnung erfolgt durch Buchstaben vor der Zugnummer. Die besten Züge sind die Z-Züge (dort dürfte es 2er-Schlafwagen geben, davon abgesehen gibt es in diesen Zügen nur RW-Wagen und manchmal YW-Wagen, jedoch keine YZ-Wagen), gefolgt von den T-Zügen, den K-Zügen und den N-Zügen. Danach folgen buchstabenlose Züge mit vierstelligen Nummern, bei denen das chinesische Kursbuch im Zugverzeichnis noch eine Unterteilung bis und ab 6000 aufweist. Was hier der Unterschied ist, kann ich mangels Chinesisch-Kenntnissen nicht sagen. Bei den Buchstabenzügen gibt es ein-, zwei- oder dreistellige Nummern, wobei ein- und dieselbe Nummer mit unterschiedlichen Buchstaben vorkommen kann.

Die Z-Züge sind die Paradezüge der chinesischen Eisenbahn und fahren hauptsächlich ab Peking in andere Grossstädte, die im Nachtsprung erreicht werden können. Längere Fahrten sind anderen Zügen vorbehalten.
Allerdings kommt man auch in einer Nacht recht weit. So verkehren zwischen Peking und Schanghai jede Nacht 5 Z-Züge, davon fahren 4 knapp hintereinander im 7-Minutentakt: Die Abfahrt in Peking ist um 19:00 (Z21), 19:07 (Z13), 19:14 (Z5) und um 19:21 (Z7). Die 1463 Kilometer lange Strecke wird ohne Aufenthalt in 11:58 zurückgelegt (122 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit), Ankunft in Schanghai ist am nächsten Morgen um 6:58, 7:05, 7:12 und 7:19.
In der Gegenrichtung funktioniert das ähnlich.

Zu den Fahrkarten: Die Fahrpreise sind von der Distanz, der Zugkategorie und der Klasse abhängig. Weiters noch von der Bettposition (oben/Mitte/unten), wobei diese Unterschiede minimal sind.
Fahrkarten kann man frühestens 5 Tage vor der Abfahrt und nur am Abfahrtsbahnhof kaufen. Es ist also nicht möglich, in Peking eine Fahrkarte Schanghai – Xian zu kaufen – die bekommt man nur in Schanghai.

Das „MECT HET“-Problem (mest njet = keine Plätze, Zug ausgebucht) gibt es in China nicht. Für YZ-Wagen gibt es nämlich zwei Arten von Fahrkarten: Fahrkarten mit Sitzplatzreservierung und Fahrkarten ohne Sitzplatzreservierung. Sind für einen Zug alle Sitzplätze ausreserviert, werden Fahrkarten ohne Reservierung verkauft, das sind dann de facto Stehplatzkarten.
„Offene“ Fahrkarten ohne Zugbindung gibt es - so wie ich das System interpretiere - nicht. Fahrkarten sind jedoch auch im Zug beim Zugchef erhältlich, genauso wie – bei entsprechend freien Plätzen - Upgrade-Tickets für höhere Klassen.

Fahrpläne und Fahrpreise (in USD, sind aber trotzdem tatsächliche Fahrpreise und nicht Phantasiepreise für Fahrkartenkauf über Reiseagenturen) kann man hier abrufen: http://www.travelchinaguide.com/china-trains/index.htm

So viel mal dazu.

Anja und ich machen uns auf den Weg zum Bahnhof, der Rest der Truppe bleibt im Hostel oder treibt sich in dessen Umgebung herum.
Für den Weg zum Bahnhof wollen wir ein Fahrradtaxi ausprobieren, was fast gelingt. Denn der lustige Chinese hat meinen auf einen Zettel aufgemalenen Zug als U-Bahn interpretiert und uns nur zur nächsten U-Bahn-Station gebracht. Naja, auch egal.

Beim Bahnhof angekommen machen wir uns auf dem Weg in die Schalterhalle und suchen dort einen „englischen Schalter“. Leider vergeblich, denn der hat anscheinend schon geschlossen.

Ich zeige dann das erwähnte Fahrkartenkaufformular bei einem Auskunftsschalter (sieht zumindest danach aus) vor, dann schickt man uns zu Schalter 1. Dort kommen wir bald dran, und der Schaltermensch spricht dann sogar ein bisschen Englisch und verkauft uns die gewünschten Fahrkarten.
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Wir fahren nicht mit einem Z-Zug, da wird Hardsleeper als ausreichend erachten und ausserdem zu fünft nicht in einem 4er-Abteil Platz hätten:
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Von Peking nach Schanghai mit Zug T109 am 31.8.2005 um 19:43 im Waggon Nummer 7, Halbabteil (damit ist ein Dreierstockbett gemeint) Nummer 11. Das zweite Zeichen rechts neben dem 11er gibt die Bettposition an, hier „oben“.
Fahrpreis: 327 Juan, also umgerechnet ca. 33 Euro.


Das dürfte die chinesische Version....
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...von dem da sein:
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Anders gesagt, eine Anzeige über die Fahrkartenverfügbarkeit für bestimmte Züge.

Ein Fahrplanaushang:
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Der Bahnhof ist bei Nacht schön beleuchtet:
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Auch am Abend ist der Bahnhofsvorplatz voll mit Menschen, die hier offenbar auf ihren Zug warten:
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Wir machen uns dann per U-Bahn auf den Weg zurück ins Hostel und verkünden den anderen, dass es uns gelungen ist, die gewünschten Fahrkarten zu kaufen.
Ich checke noch geschwind meine E-Mails und brenne – zum insgesamt zweiten Mal (nach Severobajkalsk) – zwei CDs mit Fotos, danach sitzen wir alle noch ein bisschen zusammen und unterhalten uns über dieses und jenes.

Fortsetzung folgt.
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