Familiäre Bande führten mich in der Zeit vom 1. – 15. März 2008 wieder einmal nach Rumänien, genauer gesagt nach Ardeal (Siebenbürgen). Wir besuchten die Städte Sibiu (Hermannstadt) und Fagaras (Fogarasch). Dazwischen ging es durch das Land. Natürlich konnte ich mich auch ein bisserl für die Eisenbahn frei machen.
Die Rumänischen Staatsbahnen befinden sich in einem interessantem Umbruchsprozess. Wie in allen EU-Ländern ist auch die CFR in mehrere Gesellschaften aufgeteilt. Weil natürlich jeder westliche Blödsinn nachgemacht wird, ist auch der Triebfahrzeugpark auf die Gesellschaften aufgeteilt worden. Der Personenverkehr wird von der CFR Câlâtori abgewickelt und der Güterverkehr von CFR Marfâ. Letztere soll nach den Plänen des Transportministeriums vollständig privatisiert werden. Das –noch - riesige Bahnnetz wird von einer eigenen Gesellschaft verwaltet.
Die Schieneninfrastruktur ist einem schlechtem Zustand und es bedürfte dringend riesiger Investitionssummen um die Bahn konkurrenzfähig zu machen. Wie in allen neuen EU-Ländern wächst der Strassenverkehr explosionsartig. Trotz aller Probleme klappt der Bahnbetrieb recht gut und es gab auch keine größeren Verspätungen. Die Eisenbahner sind mit den Arbeitsbedingungen und der Sicherheit mehr als unzufrieden und so gab es auch am 5. März einen zweistündigen Warnstreik der rumänischen Eisenbahnergewerkschaft zur Verbesserung der Bedingungen.
Der erste Teil meiner Impressionen ist dem Bahnknotenpunkt Sibiu (Hermannstadt) gewidmet. Durch das Zusammenlaufen mehrerer Hauptstrecken gibt es einen recht dichten Betrieb, in 24 Stunden werden an Werktagen 81 Reisezüge abgefertigt. Seht selbst…
Den Beginn mache ich mit der Aufnahme der allgegenwärtigen Baureihe 60 der CFR. Diese dieselelektrischen Lokomotiven wurden zwischen 1953 und 1983 in großer Stückzahl von Electroputere Craiova gebaut. Sie beherrschen nach wie vor das Betriebsbild der nicht elektrifizierten Strecken in Rumänien, so auch im Raum Sibiu. Die 60-0759 dürfte wohl so etwas wie eine „Traditionslok“ sein, weil sie liebevoll geschmückt ist. Sie ist mit dem P 2562 aus Mediaş angekommen.

Die 60-0749 zeigt sich in der neuen Lackierung der CFR-Calatori. Mir persönlich gefällt die Ursprungslackierung besser. Die Maschinen wurden in Lizenz der SLM Winterthur in Rumänien gebaut. Achsfolge ist Co‘ Co‘, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 100 km/h. (3.03.2008)

Zwischen Brasov (Kronstadt) und Sibiu (Hermannstadt) bietet auch das private Personenverkehrsunternehmen „Regiotrans“ seine Dienste an. Diese Gesellschaft setzt ehemalige französische Dieseltriebwagen ein. Hier der RABX 8419 nach der Ankunft als P 2104 in Sibiu zu sehen. (3.03.2008)

Ab Mitte der 1970er Jahre beschafften die CFR (Caille ferate Rômanei) von Faur Bucureşti dieselhydraulische Mittelführerstandsloks der Baureihe 80. Diese Loks werden in allen Diensten eingesetzt, vom Verschub bis zum leichten Güterzugsdienst auf Strecken. Hier ist die 80-0515 gemeinsam mit einer 62er im alten Anstrich zu sehen. Mittlerweile ein kleiner Glücksfall für den Eisenbahnfotografen.

Von der Straßenbrücke aus können schöne Bilder des Bahnhofes Sibiu gemacht werden. Hier trifft die 60-0795 mit dem P 2566 aus Mediaş am 13.03.2008 ein. Vor 25 Jahren wäre man für derartige Fotos noch eingesperrt worden.

Die Baureihe 62 ist eine Unterbauart der Baureihe 60. Durch eine geänderte Getriebeübersetzung erreichen diese Lokomotiven eine v/max von 120 km/h und sind daher auch für den Schnellzugverkehr geeignet. Am 3.03.2008 trifft die 62-1348 in Sibiu mit dem P 2071 aus Piatra Olt ein.

Am 13. März 2003 war die 80-0258 als Verschubreserve im Bahnhof Sibiu eingeteilt. Hier stellt sie einen Wagensatz bei.

Die schmucklose 60-0694 wartet mit einer Garnitur rumänischer Mitteleinstiegwagen in Sibiu auf den nächsten Einsatz.

Das Einsteigen in diese Wagen ist eine wahre Kletterpartie, da sich die Bahnsteige meistens auf Niveau der Schienenköpfe befinden. Die Einstiegshöhe zwischen Bahnsteig und erster Stufe liegt ziwschen 60 bis 70 cm….

Die CFR haben rund 120 Desiros bestellt, welche als Baureihe 96 eingereiht werden. Sie kommen mittlerweile auch in Siebenbürgen zum Einsatz. Zahlreiche Reisezüge auf den, von Sibiu ausgehenden Strecken, werden bereits mit den 96ern geführt. Sehr zu meinem Leidwesen. Hier trifft ein 96er als P 2483 aus Turnu Rosu ein.

Vor gigantischer Wolkenkulisse wird am 13.03.2008 ein anderer 96er als R 815 nach Timisoara Nord im Bahnhof Sibiu bereitgestellt.

Die reich geschmückte 60-0795 entfernt sich von ihrem Zug in Richtung Lokdepot Sibiu, dem auch mein nächster Besuch gilt. Der Schmuck dieser Lok ist schon bemerkenswert. Es hat sich auch 19 Jahre nach der Revolution sogar ein Stern an der Stirnfront gehalten. Plüschtiere und Rüschenvorhänge sorgen im Führerstand fast für Wohnzimmeratmosphäre

Waren Bahnanlagen während der kommunistischen Ära für Fotografen ohnehin schon mehr als schwieriges Terrain, so waren Lokdepots absolutes Sperrgebiet. Wurde man von Polizei oder Geheimdienstspitzel erwischt, standen hohe Gefängnisstrafen darauf wegen Spionage. Daher war es für mich schon etwas Besonderes einmal einem rumänischen Lokdepot einen Besuch abzustatten. Da es in Sibiu auch ein kleines Eisenbahnmuseum im Gelände des Depots gibt, war die Gelegenheit günstig. Die Menschen in Rumänien sind grundsätzlich sehr gastfreundlich und das ist bei den Eisenbahnern meistens auch so wenn man Interesse zeigt und ein paar Brocken rumänisch spricht. Eines sollte man aber nie tun: Den großspurigen Wessi raushängen lassen, das mögen die Rumänen nicht. Sie wissen, dass ihre Mittel beschränkt sind. Am 14.03.2008 entstanden die folgenden Bilder.
Das erste Bild machte ich aber noch am Abend des 13.03.2008. Es zeigt den nördlichen Einfahrbereich des Lokdepots wo die 63-0834 und die 60-0813 auf die nächste Arbeit warten.

Ich habe in den Tagen keine einzige 60er gesehen, die wirklich einer anderen vollkommen gleichte. Hier ist zum Beispiel bei der 60-0251 die Federung der Drehgestell zu sehen.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, die Loks werden auch gereinigt. Hier wird die 80-0617 dem Frühjahrsputz unterzogen.

Mangels ausreichender finanzieller Mittel beschaffen die CFR eher keine neuen Lokomotiven, sondern unterziehen den bestehenden Triebfahrzeugbestand einer grundlegenden Modernisierung. Die Baureihe 63 ist eine modernisierte Form der Baureihe 60. Die Maschinen haben neue Stirnfronten und sind neu motorisiert. Hier zeigt sich die 63-0834 im neuen Erscheinungsbild.

Hier die Gegenüberstellung von alt und neu. Ich finde die 60-1184 jedenfalls formschöner. Interessant ist, dass die Stirnfrontlüfter der 60er meistens verklebt waren, dies dürfte auf Probleme mit Flugschnee im Winterbetrieb zurückzuführen sein.

„Heizhausstimmung“ mit Lokparade in Sibiu. Zu sehen sind: 62-0818 mit Flügelrad und „Wimpern“, 80-0310 in Altlack, die 80-0252 in blauer Lackierung und die 82-0140. Die 82er sind modernisierte 80er. Die Modernisierungsarbeiten werden von Alsthom durchgeführt. Der Aufbau ist eckiger und die organge/weiße Lackierung für rumänische Verhältnisse sehr ungewöhnlich.

Die 80-0018 hat an der Stirnfront noch das schöne Firmenschild der 23. August-Werke...

Mit dieser Aufnahme der 60-1131 neben einer 52er leite ich zum kleinen Museum in Sibiu über.

Die Dampflokomotiven der CFR waren ein buntes Sammelsurium preussischer, altösterreichischer, ungarischer und rumänischer Lokomotivbauarten. Für Österreicher berühmt war die Baureihe 142, welche von Reşiţa als Lizenz der BBÖ 214 gebaut wurde. Eine dieser Maschinen ist heute als 12.14 wieder bei der ÖGEG in Betrieb. Auch in Sibiu steht noch eine verrostete 142er herum, ich konnte sie allerdings nicht aufnehmen. Den Beginn meines kurzen Rundganges macht die 324.951, welche von Ganz in Budapest produziert wurde.

Die 620 „Murgeni“ wurde bereits 1890 in Bucureşti gebaut. Eine waschechte Rumänin also.

Die 150.1105 präsentiert die, in Zentraleuropa allgegenwärtige, Baureihe 52.

Die 130.503 wurde 1921 von Skoda erzeugt und repräsentiert einen bewährten Lokomotivtyp der Rumänischen Staatsbahnen.

Die 94.649 ist zweifellos eine preussische T 14, welche bei uns ja als Baureihe 694 bekannt war.

Nach soviel Eisenbahn machen wir noch einen kleinen Blick auf die Stadt Sibiu (Hermannstadt). Sie war 2007 europäische Kulturhauptstadt. Sibiu besitzt noch eine fast vollstänig erhaltene Altstadt mit Bauten aus dem Mittelalter und dem Barock. Berühmt sind auch die Sammlungen des Brukenthal Museums. Sibiu ist auch das kulturelle Zentrum der deutschsprachigen Minderheit Rumäniens. Zwei Aufnahmen sollen die Schönheit dieser Stadt zeigen:
Hier der kleine Platz (Piaţa mica) mit der evangelischen Pfarrkirche und der wunderschönen historischen Häuserfassade.

Das zweite Bild zeigt den Großen Platz (Piaţa mare), der vollständig renoviert wurde und sich in alter Pracht präsentiert. ZU sehen sind die katholische Stadtpfarrkirche und der Ratstrum.

Sibiu hat rund 170.000 Eionwohner und es gab dereinst auch einen Straßenbahnbetrieb, der 1983 stillgelegt wurde. Lediglich die Überlandstraßenbahn von Sibiu Cimitâr nach Râsinari blieb erhalten. Sie wird mehrmals täglich von eine ehemaligen Triebwagen der Genfer Straßenbahn befahren. Hier zum Abschluss einige Bilder:
Einfahrt in die Haltestelle Dumbrava.

Nach der Ankunft in der Endstelle in Sibiu.

Das Wageninnere

Und mit diesem Bild beende ich den ersten Teil meiner rumänischen Impressionen.




