Modernes Russland oder Russischer Größenwahn ?

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Krebsjauche
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Modernes Russland oder Russischer Größenwahn ?

Beitrag von Krebsjauche »

Die innerdeutschen Diskussionen über einen Börsengang der Deutschen Bahn werden in Moskau mit großem Interesse verfolgt. Schon mehrfach hat der Vorsitzende der Russischen Staatsbahn (RZD), Wladimir Jakunin, Interesse an einem Einstieg bei den Deutschen bekundet. "Die Kriegskasse der Russischen Staatsbahn ist ziemlich voll", sagt ein Branchenkenner in Moskau. Auch im eigenen Land hat RZD einiges vor: In den kommenden Jahren soll die veraltete Infrastruktur im Riesenreich für eine dreistellige Euro-Milliardensumme schrittweise modernisiert werden.

Milliardenaufträge locken

Die von der Regierung im September verabschiedete Bahnstrategie sieht vor, dass der überwiegend noch aus Sowjetzeiten stammende Fuhrpark bis zum Jahr 2030 komplett erneuert wird. In Zahlen bedeutet das: 23.400 neue Lokomotiven, knapp 30.000 Passagier- und 996.000 neue Güterwaggons. Langfristig könnte das Experten zufolge durchaus realistisch sein. Es locken Milliardenaufträge, auf die sich auch deutsche Konzerne Hoffnung machen.

Vom Schneckentempo zur Hochgeschwindigkeit

So will vor allem der deutsche Industriekonzern Siemens in Russland Gas geben. Ende 2008 soll der erste von acht Siemens- Hochgeschwindigkeitszügen vom Typ Velaro RUS fertiggestellt sein. Mittelfristig ist geplant, auf der Strecke zwischen den Metropolen Moskau und St. Petersburg ein Tempo von 250 Kilometern pro Stunden zu erreichen. Für die bislang noch eher im Schneckentempo zuckelnde Russische Staatsbahn ist das noch Zukunftsmusik, wenngleich die Arbeiten auf der knapp 700 Kilometer langen Strecke vorankommen.

Geldmaschine Güterverkehr

Der russische Wirtschaftsboom kübelt die Rubel waggonweise in die Kassen der Eisenbahner. Das meiste Geld wird mit dem Güterverkehr verdient. Beim innerrussischen Transport von Kohle, Erzen und Metallen kann der Monopolist RZD die Preise diktieren. Auch beim Export von Rohöl nach China gibt es keine Alternative zu den Kesselwagen der Bahn, da Pipelines erst noch gebaut werden müssen.

Die Bahn einer der einflussreichsten Konzerne

In Russland gehört die Bahn mit ihren 1,2 Millionen Mitarbeitern zu den einflussreichsten Konzernen neben dem Gasmonopolisten Gazprom , dem Ölriesen Rosneft und der Rüstungsholding Rosoboronexport. Bahnchef Jakunin zählt zu den engen Vertrauten von Präsident Wladimir Putin. Jakunin wird von manchen sogar als möglicher Nachfolger des Kremlchefs gehandelt.

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RZD-Chef Wladimir Jakunin, Bildquelle: aktuell.ru

Russische Eisenbahn als Global Player ?

Vor vier Jahren wurde die russische Eisenbahn in die Staatsholding RZD umgewandelt mit dem Ziel, sich in das weltweite Transportsystem zu integrieren. "Unsere Interessen sind längst nicht mehr nur auf Russland beschränkt. Wir sind zu einem Global Player geworden", sagte der Leiter der Strategieabteilung, Anton Tschitschilimow, der Moskauer Zeitung "Kommersant". RZD ist auch auf Erfolgskurs in den Branchen Logistik, Tourismus, Bau und Telekommunikation.

Unterschiedliche Spurbreite der Gleise

Als fernes Ziel sehen Russlands Eisenbahner den Warenverkehr der Europäischen Union mit China und Südostasien. Bislang bekommt die Eisenbahn gegen die Konkurrenz auf dem Seeweg keinen Stich. Das liegt nicht nur daran, dass die weltberühmte transsibirische Eisenbahnlinie von Moskau nach Wladiwostok dringend renovierungsbedürftig ist. Auch bei der Abstimmung mit den Eisenbahnen der Partner in Europa hapert es noch. Dabei ist die unterschiedliche Spurbreite der Gleise - in Russland 1520 Millimeter und in West- und Mitteleuropa 1435 Millimeter - nur eines von vielen Abstimmungsproblemen.

Gigantomanie: Tunnel unter der Beringstraße

In Sachen Spurbreite spukt den RZD-Strategen seit Jahren ein Expansionsprojekt der besonderen Art durch den Kopf. Bis nach Wien will man eine 1520er-Strecke bauen. Allerdings zweifeln Branchenkenner, ob sich das Milliardenprojekt rechnen würde. Bei der grassierenden Gigantomanie scheinen manche leitende Beamte des Moskauer Verkehrsministeriums jeglichen Realitätssinn verloren zu haben. Im Frühjahr schlugen sie vor, eine Eisenbahnlinie vom sibirischen Diamantengebiet Jakutsk in Richtung Osten zu bauen und mit einem Tunnel unter der Beringstraße nach Alaska zu führen. Bis zu 50 Milliarden Euro dürfte das Projekt kosten, das Experten aber als ein "Hirngespinst" abtun.

Quelle: t-online
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